Parthenope, Physik und Praxis – emulgiert

Montag ist der Tag, an dem die Welt wieder so tut, als hätte sie alles im Griff. Kalender sind sauber, Posteingänge tun unschuldig, und irgendwo in einem Büro wird ein Meeting mit dem Titel „Alignment Q1“ eröffnet, als sei Alignment ein Zustand und kein Wunsch.

Ich hingegen liege auf dem Sofa und klinge wie eine schlecht geölte Kaffeemühle.

Nach einer USA-Reise hat mich ein grippaler Infekt erwischt. Die Variante, bei der dein Körper eine eigene Regierung gründet und das Parlament „Fieber“ heißt. Jede Zelle macht, was sie will. Schüttelfrost als Außenpolitik. Husten als Gesetzgebung. Und in dieser mild delirierenden Demokratie passiert etwas Merkwürdiges:

Normalerweise wohnen die Themen in meinem Kopf brav getrennt: Kultur hier, Physik da, Führung dort. Dann kommt Paolo Sorrentino cineastisches Meisterwerk Parthenope – und plötzlich reden sie miteinander. Nicht höflich. Eher so, als würde sich im Kopf ein kleines Neapel bilden – dort wo der Kino-Epos spielt: schön, laut, widersprüchlich, lebendig.

Parthenope ist der Auslöser und die Linse zugleich: Sirene und Spiegel. Du weißt, du solltest dich nicht zu lange hineinziehen lassen – und sitzt dann doch da, eingewickelt in eine Decke, wie festgenagelt an diese Figur, die nicht „erklärt“, sondern verführt. Über sie legt Sorrentino Neapel frei: nicht als Postkarte, sondern als Körper. Als Mythos. Als Bühne, auf der Schönheit nicht dekorativ ist, sondern gefährlich, weil sie dich in Bewegung setzt.

Und während Parthenope durch diese Stadt geht – unberührbar und doch voller Sog – begreifst du: Neapel ist nicht „die Summe seiner Sehenswürdigkeiten“. Es ist etwas Drittes. Etwas, das entsteht, wenn genug Menschen, Geschichte, Hitze, Meer, Verfall und Verlangen lange genug miteinander kollidieren.

Genau da meldet sich mein eigentliches Wochenendthema zurück: Emergenz.

Ich hatte mich in einem jener Anfälle von Optimismus, die man nur hat, wenn man noch nicht krank ist mit dem physikalischen Begriff der Emergenz beschäftigt. Diese Idee, dass bestimmte Eigenschaften erst auftreten, wenn viele Teile zusammenwirken. Nicht im Einzelteil. Nicht in der isolierten Zelle. Sondern im Zusammenspiel. Die feine, fast unverschämte Behauptung der Natur: Mehr ist anders.

Das klingt wie ein Kalender-Spruch, ist aber im Kern eine Zumutung. Weil es unsere Lieblingsfantasie angreift: dass wir alles verstehen können, wenn wir nur tief genug hineinzoomen. Emergenz sagt: Manchmal ist das Gegenteil wahr. Manchmal siehst du das Entscheidende erst, wenn du wieder rauszoomst. Wenn du aufhörst, dich an Details festzukrallen wie an Rettungsringe, und stattdessen schaust, wie das Ganze sich verhält.

Ich liege also da, halb von Parthenope, halb vom grippalem Effekt gefangen, und denke: Neapel ist emergent. Nicht planbar, nicht kontrollierbar, nicht „umsetzbar“. Neapel ist ein Ergebnis von Bedingungen, von Reibung, von jahrhundertelangem Nicht-Perfekt-Sein. Eine Stadt, die dir ins Gesicht sagt: Deine Excel-Tabelle ist niedlich.

Und dann, als wäre der Montag nicht schon übergriffig genug, klickt mein Daumen – der offenbar noch arbeitsfähig ist – in ein Video, in dem Ian McKellen bei Stephen Colbert sitzt und Shakespeare rezitiert.

Das ist einer dieser Momente, in denen ein Studio, ein Host, ein berühmter Gast und ein 400 Jahre alter Text plötzlich mehr sind als Entertainment. McKellen liest „The Strangers’ Case“ aus Sir Thomas More. Es geht um Fremde, um Gewalt, um die Frage, was es mit einer Gesellschaft macht, wenn sie sich im Zorn selbst verliert. Und während er spricht, merkst du: Shakespeare ist kein Museumsstück. Er ist ein Werkzeug. Er ist eine Lupe, die das Menschliche vergrößert – inklusive seiner hässlichen Stellen.

Das Erstaunliche ist nicht, dass der Text „aktuell“ ist. Das Erstaunliche ist, dass wir überrascht sind, dass er es ist.

Und hier taucht Emergenz zum zweiten Mal auf, diesmal in der Kultur. Denn die Wirkung entsteht nicht allein durch den Text. Sie entsteht durch die Stimme. Durch McKellens Alter. Durch Colberts Bühne. Durch unseren Moment. Durch die Tatsache, dass wir – kollektiv – gerade wieder lernen, wie dünn die Schicht Zivilisation ist, wenn die Temperatur steigt.

Ein einzelner Satz ist noch keine Moral. Ein einzelner Clip noch keine Erkenntnis. Aber in der Kombination entsteht etwas Neues: eine Art innerer Stromschlag. Du liegst da und denkst: Ah. Das ist der Punkt. Das ist das, was ich die ganze Zeit wusste und trotzdem vergesse.

Und dann kommt – als Kontrapunkt, als Gegengift, als nüchterne Tablette – ein Artikel daher, den ich am Wochenende ebenfalls gelesen habe: McKinsey, „Building leaders in the age of AI“.

Man muss über McKinsey nicht romantisch werden. McKinsey ist nicht Neapel. McKinsey ist eher Zürich. Aber gerade deshalb funktioniert es in meinem Kopf als Gegenbild: Während Parthenope dich an die Schönheit des Unkontrollierbaren erinnert, schreibt McKinsey über Führung in einer Welt, die gerade dabei ist, sich selbst zu beschleunigen.

„Age of AI“ – das klingt immer ein bisschen so, als hätte jemand eine Epoche ausgerufen, weil es sich gut auf einer Konferenzfolie macht. Aber natürlich stimmt es: KI skaliert Dinge, die früher begrenzt waren. Tempo, Output, Varianten. Und sie skaliert damit auch etwas anderes: Komplexität. Denn wo mehr möglich ist, wird mehr erwartet. Wo Entscheidungen schneller getroffen werden können, wird schneller entschieden. Und wo Antworten billig werden, wird Urteilskraft teuer.

Ich lese das, schnaufe (oder war es ein Husten?), und denke: Das ist der eigentliche Blue-Monday-Horror. Nicht die KI. Sondern die Illusion, dass KI uns das Führen abnimmt. Denn Führung – wenn wir ehrlich sind – war nie das Produzieren von Antworten. Führung war immer das Herstellen von Bedingungen.

Und damit sind wir wieder bei Emergenz.

In der Physik (und im Leben) ist es selten der einzelne Teil, der das Neue hervorbringt. Es ist das Zusammenspiel. Genauso ist es in Organisationen: Kultur ist nicht der Code of Conduct. Kultur ist das, was passiert, wenn niemand zuguckt – und wenn doch, erst recht. Vertrauen ist nicht der Satz „Wir vertrauen einander“ im Leitbild. Vertrauen ist, wie du reagierst, wenn ein Fehler passiert. Respekt ist nicht die E-Mail-Signatur mit Pronomen. Respekt ist, ob du den Raum für Widerspruch lässt.

Und KI? KI ist ein Teil im System. Ein mächtiger, ja. Aber ein Teil. Wenn man es ganz unromantisch ausdrückt: Führung in der KI-Zeit besteht nicht darin, selbst der klügste Mensch im Raum zu sein. Sondern darin, den Raum so zu gestalten, dass Klugheit entstehen kann. Dass Menschen nicht in Angst entscheiden. Dass sie nicht auf Autopilot laufen. Dass sie sich trauen, „Ich weiß es nicht“ zu sagen, ohne dass das als Schwäche gilt. Dass sie lernen, wo KI hilft – und wo sie nur hübsch klingt.

Jetzt, im Fieber, sehe ich das besonders klar, weil mein Körper mir die ultimative Management-Lektion erteilt: Du kontrollierst nichts. Du koordinierst nur.

Mein Immunsystem ist gerade ein hochkomplexes Netzwerk, das ohne meine Zustimmung operiert. Ich habe keinen Zugriff auf die Dashboards. Keine OKRs. Keine Status-Calls. Nur Symptome. Und doch arbeitet es – chaotisch, verschwenderisch, manchmal brutal – an einem Ziel: Überleben. Das ist die Art von Emergenz, die du nicht in einem Strategy Deck findest.

Und plötzlich wirkt das alles wie eine einzige, zusammenhängende Montagserzählung: Parthenope zeigt mir eine Welt, in der Schönheit aus Widerspruch entsteht. McKellen zeigt mir, dass Menschlichkeit nicht neu erfunden werden muss, sondern erinnert. Emergenz liefert die Sprache dafür: Das Neue entsteht nicht aus Kontrolle, sondern aus Interaktion. McKinsey erinnert mich daran, dass KI nicht die Zukunft „macht“, sondern die Gegenwart verdichtet und dass Führung genau dort beginnt, wo Verdichtung wehtut.

Und mein Infekt? Mein Infekt ist der groteske, aber hilfreiche Moderator dieses inneren Panels. Er verhindert, dass ich mich hinter Aktivität verstecke. Er zwingt mich zur Langsamkeit. Und in der Langsamkeit zeigt sich, was sonst unter Tempo begraben wird.

Vielleicht ist das der eigentliche Blue Monday: ein Tag, an dem wir uns selbst wieder begegnen – nicht als Funktion, nicht als Rolle, nicht als LinkedIn-Profil. Sondern als System. Mit Grenzen. Mit Unschärfe. Mit einem Körper, der irgendwann sagt: „Jetzt reicht’s. Jetzt emergiert hier mal was.“

Am Ende des Tages wird der Infekt abklingen. Er wird, wie alle Krisen, irgendwann nur noch eine Anekdote sein. Aber die Frage, die er mir in den Schädel geschrieben hat, bleibt: Welche Bedingungen schaffe ich – im Team, in der Organisation, in meinem eigenen Tag  –, damit das Richtige entstehen kann? Nicht das Perfekte. Nicht das Kontrollierte. Sondern das Richtige: Urteilskraft. Mut. Anstand. Humor. Vielleicht sogar Schönheit.


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