Dante hat Zeit für die Matthäus-Passion

Können Sie sich erinnern? Wann Sie Ihren Glauben an Gott oder ein höheres Wesen verloren haben und den tieferen Sinn einer Bestimmung unserer Existenz? Sie bemerken am Einstieg dieser Kolumne: Heute ist kein Casual Friday, heute ist Karfreitag. Da gehen einem solche schweren Gedanken bisweilen durch den Kopf. Und es stellen sich grundsätzliche Fragen.

Ich erinnere mich zumindest noch genau an den Zeitpunkt als der Allmächtige aus meinem Leben trat. Es war eine ähnliche Erinnerung wie an den 11. September 2001 oder den tödlichen Unfall von Prinzessin Diana, oder wie eine Meldung in der Tagesschau verlesen wurde, dass man erhöhte Radioaktivität aus der Sowjetunion kommend registriert hätte – aus einem Ort namens Tschernobyl.

Und natürlich erinnere ich mich an diesen wunderschönen Frühsommertag, als mein Vater in der eigentlichen Mitte seines Lebens, mit etwas über 40 Jahren verstorben ist, von jetzt auf gleich. In den dann folgenden Tagen, Wochen, Monaten mit dem verstörten „warum?“ kamen erste Zweifel auf.

Plötzlich war die so genannte Theodizee-Frage für mich ein Thema, die da lautet: Gewalt, Krieg, Krankheit, Schmerzen, Leid, Not und Tod. Warum lässt ein Gott das zu? Will oder kann er nicht anders? Wo sind die Güte und Gerechtigkeit des Schöpfers? Wie kann ein unendlich guter, liebender Gott eine Welt voller Elend, Leid und Not verantworten? Warum lässt er Seuchen, Überschwemmungen und Dürrekatastrophen zu? Warum dürfen Menschen so grausam gegen Menschen wüten, warum macht er dem Morden kein Ende? Ist IHM egal, was bei uns so schrecklich schiefläuft? Kann oder will ER nicht helfen?

Apropos schieflaufen: Der italienische Film „Era Ora“ von Regisseur Paolo Genovese, der gerade – sehr empfehlenswert – auf Netflix läuft, bietet eine faszinierende Perspektive auf das Leben, den Tod und die Bedeutung von Zeit. Und genau das Richtige für das Osterwochenende. „Era Ora“ (es war Zeit) erzählt die Geschichte von Dante, der bei einer Party seine Verlobte mit Alice verwechselt und sie versehentlich küsst. Aus diesem Versehen entwickelt sich eine Liebesbeziehung, die in vielen Höhen und Tiefen mündet. Die Handlung ist geprägt von verschiedenen Zeitsprüngen, die den Protagonisten in die Zukunft katapultieren und ihn immer wieder mit den Konsequenzen seiner Entscheidungen konfrontieren.

Zurück zum Karfreitag. Der Tag, an dem Jesus Christus gekreuzigt wurde, symbolisiert Tod und Trauer, aber auch die Hoffnung auf Erneuerung und Wiedergeburt durch die Auferstehung an Ostern. In „Era Ora“ erlebt Dante persönliche Verluste und Enttäuschungen, wie die Demenz seines Vaters und die Trennung von Alice. Wie bei Karfreitag sind Dantes Verluste jedoch nicht das Ende, sondern der Beginn einer Veränderung.

Das Leben und der Tod sind zentrale Themen des Films. Dante erlebt Momente der Freude, wie die Geburt seiner Tochter Galadriel und die Versöhnung mit seinem Vater, aber auch Momente der Trauer, wie den Tod seines Vaters und die Krebs-Erkrankung seines besten Freundes Valerio. Die Tragikkomödie zeigt, wie das Leben unausweichlich von Verlusten geprägt ist, aber auch von der Hoffnung auf Heilung und Erneuerung.

Es war Zeit für so einen Film. Karfreitag at it’s best. Wo das Göttliche herausschimmert. Dante und Alice führen uns die zentralen Themen des Lebens und Todes vor, die auch in der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach eine Rolle spielen. In beiden Werken gibt es Momente der Freude, aber auch der Trauer und des Verlusts. Während die Tragikkomödie die Hoffnung auf Heilung und Erneuerung zeigt, erzählt die Matthäus-Passion die Leidensgeschichte Christi und zeigt uns, dass auch in den dunkelsten Momenten das Göttliche durchscheinen kann.

Als ehemaliger Teilnehmer an einer Aufführung dieses Meisterwerks weiß ich, dass die Matthäus-Passion uns wertvolle Lehren für unser Leben, unsere Karriere und die Gesellschaft bieten kann. Gerade in Zeiten, in denen viele Menschen ihren Glauben verlieren oder sich von einer höheren Bestimmung abwenden, kann die Musik von Bach uns helfen, uns mit unserer Spiritualität und unserem tiefsten Inneren zu verbinden. So wie „Era Ora“ uns gezeigt hat, dass das Leben unausweichlich von Verlusten geprägt ist, aber auch von Hoffnung auf Heilung und Erneuerung, kann uns die Matthäus-Passion helfen, uns mit den großen Fragen des Lebens auseinanderzusetzen, uns dabei unterstützen, eine tiefere Bedeutung in unserem Dasein zu finden und auch wertvolle Lehren für unser Leben, unsere Karriere und die Gesellschaft bieten:

1. Die Kraft der Hingabe und des Mitgefühls

Die Matthäuspassion erzählt von der Hingabe Jesu und seinem Opfer aus Liebe zur Menschheit. Diese Botschaft kann uns dazu inspirieren, selbstlos und mitfühlend zu handeln, sowohl im Privaten als auch im Beruf. Wenn wir uns für das Wohl anderer einsetzen und Empathie zeigen, können wir positive Veränderungen in unserer Umwelt bewirken und unsere Beziehungen vertiefen.

2. Die Bedeutung von Leidenschaft und Kreativität

Bachs Matthäuspassion ist ein Ausdruck seiner tiefen Leidenschaft für Musik und seine außergewöhnliche künstlerische Kreativität. Wir können daraus lernen, dass es wichtig ist, unsere eigenen Leidenschaften zu entdecken und zu verfolgen, um Erfüllung und Erfolg im Leben und im Beruf zu finden. Kreativität und Innovation sind entscheidende Faktoren für persönliches Wachstum und Fortschritt in der Gesellschaft.

3. Die Macht der Resilienz und Hoffnung

Die Matthäuspassion erinnert uns daran, dass Leid und Schmerz Teil des menschlichen Daseins sind, aber auch, dass es Hoffnung und Erlösung gibt. Diese Botschaft kann uns helfen, Resilienz in schwierigen Situationen aufzubauen und optimistisch in die Zukunft zu blicken. In der heutigen schnelllebigen und oftmals unsicheren Welt ist Resilienz eine wichtige Fähigkeit, um Herausforderungen zu bewältigen und persönliche Ziele zu erreichen.

4. Der Wert von Gemeinschaft und Zusammenarbeit

Die Matthäuspassion ist ein Werk, das viele Menschen zusammenbringt, sei es durch die Ausführenden oder das Publikum. Es erinnert uns an die Bedeutung von Gemeinschaft und Zusammenarbeit, um Großes zu erreichen. In der heutigen globalisierten Welt sind Zusammenarbeit und Netzwerken unerlässlich, um beruflichen Erfolg zu erlangen und gesellschaftliche Probleme zu lösen.

In einer Welt voller Unruhen, Konflikte und Unsicherheiten ist es leicht, den Glauben an die Menschheit zu verlieren und sich nach einem höheren Zweck zu sehnen. Dennoch kann Hoffnung, Mitgefühl und sogar Heiterkeit in den Begegnungen mit unseren Mitmenschen gefunden werden. Einem Gott ziehe ich das „unbändige Leben“ vor. Es zeigt, dass es in der Menschheit eine inhärente Kraft und Schönheit gibt. Wer braucht dann schon einen gütigen Schöpfer oder Lenker, der unsere Schicksale lenkt oder uns bestraft.

Ich finden die Idee charmant, dass jeder von uns Gott ist, weil es die Bedeutung von Eigenverantwortung und Selbstbestimmung unterstreicht. Wenn ein Mensch wie Johann Sebastian Bach etwas so Göttliches wie seine Musik schaffen konnte, dann liegt es an uns, unsere eigenen Talente und Fähigkeiten zu nutzen, um Gutes zu tun und die Welt zu verbessern.

Es ist unsere Aufgabe, unsere Fähigkeiten und Talente zu nutzen, um eine bessere Welt zu schaffen und nicht darauf zu warten, dass eine höhere Macht oder ein Gott unsere Probleme löst. Die Kraft, unser Schicksal zu bestimmen und eine erfüllte Existenz zu führen, liegt in unseren eigenen Händen, und es ist an der Zeit, diese Verantwortung anzuerkennen und unsere Welt entsprechend zu gestalten.

Am Karfreitag erinnern wir uns an die Dunkelheit vor dem Licht, denn es ist die Stille des Leidens, die uns die wahre Bedeutung der Auferstehung offenbart.


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Kommentare

2 Antworten zu „Dante hat Zeit für die Matthäus-Passion“

  1. Avatar von Bernhard Elias

    Lieber Harald,
    das ist eine der schönsten Überraschungen des Tages: ein wunderbarer Text, den ich so von Dir nicht erwartet habe. Was mir deutlicher macht, dass unsere bisherigen Begegnungen zu oberflächlich waren (oder wir uns von der Hektik des Tagesgeschäfts haben jagen lassen).
    Dir / Euch Frohe Ostern. Und beim nächsten Wiedersehen möchte ich eine Antwort, wann und wie Du Deine Theodizee gefunden hast! Dein Bernhard

  2. Avatar von Bernhard Elias

    Lieber Harald,
    das ist eine der schönsten Überraschungen des Tages: ein wunderbarer Text, den ich so von Dir nicht erwartet habe. Was mir deutlicher macht, dass unsere bisherigen Begegnungen zu oberflächlich waren (oder wir uns von der Hektik des Tagesgeschäfts haben jagen lassen).
    Dir / Euch Frohe Ostern. Und beim nächsten Wiedersehen möchte ich eine Antwort, wann und wie Du Deine Theodizee gefunden hast! Dein Bernhard

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