Schärfer sehen mit Sonder

Es gibt Wörter, die betreten einen Raum nicht laut. Sie kommen nicht mit Fanfare, nicht mit Anspruch, nicht mit jener begrifflichen Wichtigkeit, die sich in Seminaren und Sonntagsreden so gerne selbst begleitet. Sie sind eher wie ein spätes Licht. Es fällt auf etwas, das man längst gesehen hat, vielleicht seit Jahrzehnten, aber nie wirklich benennen konnte.

Sonder ist so ein Wort.

Im Englischen bezeichnet es diesen leisen, fast erschütternden Moment, in dem einem plötzlich bewusst wird, dass jeder Mensch, dem man begegnet, ein eigenes, ebenso reiches, kompliziertes, widersprüchliches Leben führt wie man selbst. Die Frau im Zug. Der Mann im Gegenverkehr. Die Kollegin auf dem Flur. Der Kellner, der sich nichts anmerken lässt. Der Fremde, der an der Ampel neben einem steht und ins Leere blickt.

Keiner von ihnen ist Statist im eigenen Leben. Keiner bloß Kulisse. Jeder ist Hauptfigur in einem eigenen Roman – mit Erinnerungen, Enttäuschungen, Ängsten, Routinen, Hoffnungen, kleinen Triumphen und stillen Niederlagen.

Sonder ist die Demut vor der Unsichtbarkeit der anderen.

Vielleicht berührt mich dieses Wort deshalb so. Weil mein eigenes Leben aus Stationen besteht, an denen ich immer wieder glaubte, nun hätte ich die Welt verstanden. Und dann, wenig später, stellte ich fest: Es war nur eine Vorhalle gewesen. Ein Durchgang. Eine weitere Tür.

Eine niederrheinische Kindheit. Katholische Provinz. Stille Straßen. Eine Welt, in der Bedeutung noch schwerer wog als Tempo. Dann Hamburg. London. Wieder Hamburg. Hörsäle, Bibliotheken, fremde Stimmen, erste intellektuelle Überheblichkeiten, erste Niederlagen, erste Ahnung davon, dass Bildung nicht darin besteht, Antworten zu besitzen, sondern bessere Fragen zu stellen.

Später der Journalismus.

Redaktionen sind eigene Kontinente. Sie haben ihr Klima, ihre Hierarchien, ihre Rituale, ihre Eitelkeiten und ihre geheime Moral. Morgendliche Konferenzen. Schnelle Urteile. Lange Recherchen. Nächte mit zu wenig Schlaf und zu viel Gewissheit. Journalismus ist im besten Fall organisierte Neugier. Im schlimmsten Fall Eitelkeit unter Termindruck. Aber immer ist er eine Schule des Sonder.

Man lernt, dass hinter jeder Zahl ein Mensch steht. Hinter jeder Karriere ein Preis. Hinter jedem öffentlichen Satz ein privates Risiko. Man lernt, dass auch die Mächtigen unsicher sind, die Erfolgreichen verletzlich, die Lauten oft ängstlich und die Stillen manchmal die eigentlichen Träger der Geschichte.

Dann Kommunikation. Unternehmen, Verbände, Beratung, Corporate Life. Eine andere Bühne. Ein anderer Rhythmus. Andere Codes. Man steht nicht mehr nur am Rand und beschreibt die Welt, sondern wird Teil jener Maschine, die man früher beobachtet hätte.

Auch das ist lehrreich. Vielleicht sogar ernüchternd im besten Sinne. Denn man begreift: Organisationen bestehen nicht aus Organigrammen. Sie bestehen nicht aus Kästchen, Linien und Zuständigkeiten. Sie bestehen aus Menschen, die etwas können, etwas wollen, etwas fürchten – und trotzdem jeden Morgen weitermachen.

Am 1. Juni sind es drei Jahre bei BAADER.

Drei Jahre sind in einem Unternehmen, das seit mehr als hundert Jahren existiert, kein Epos. Kein Monument. Vielleicht nicht einmal eine Fußnote in der langen Geschichte von Maschinen, Märkten, Technologien und Generationen. Für ein einzelnes Leben aber können drei Jahre viel sein. Ein Kapitel. Ein Perspektivwechsel. Eine neue Grammatik.

Ich kam mit journalistischem Blick. Ich blieb, weil ich merkte, dass auch Industrie Geschichten erzählt. Nicht laut. Nicht modisch. Aber mit Substanz. Geschichten von Arbeit, Präzision, Verantwortung und von Menschen, die Dinge möglich machen, über die andere nie nachdenken.

Das ist vielleicht die schönste Korrektur, die einem das Berufsleben schenken kann: dass man lernt, die eigene Sicht nicht zu verlieren – sie aber auch nicht mehr für die ganze Wahrheit zu halten.

Und vielleicht ist genau das Sonder: die späte Einsicht, dass das eigene Leben zwar zentral erlebt wird, aber niemals zentral ist. Dass unsere Stationen, so bedeutsam sie uns erscheinen, immer durchzogen sind von den Wegen anderer. Von Lehrerinnen und Lehrern, Kolleginnen und Kollegen, Chefinnen und Chefs, Freundinnen und Freunden, Kritikern, Zufallsbekanntschaften. Von Menschen, die uns fördern, verletzen, bremsen, retten – oder einfach nur zur richtigen Zeit einen Satz sagen.

Wir gehen durch unser Leben, als folgten wir einer Handlung.

In Wahrheit kreuzen wir täglich tausend Handlungen anderer.

Das macht die Welt nicht kleiner. Es macht sie größer.

Sonder ist kein sentimentales Wort. Es ist eher ein intellektueller Stoß gegen den Narzissmus des Alltags. Es sagt: Schau genauer hin. Der andere ist nicht Funktion, Publikum oder Hindernis. Er ist ein ganzes Universum. Und du bist es für ihn vielleicht auch nur für einen flüchtigen Moment.

Vielleicht ist das eine schöne Übung für diesen Blue Monday: weniger Mittelpunkt sein. Mehr Zeuge. Weniger Urteil. Mehr Aufmerksamkeit. Weniger Lebenslauf. Mehr Leben.

Und nach all den Stationen bleibt vielleicht dies: Man wird nicht klüger, weil man am Ende mehr weiß. Man wird klüger, wenn man ahnt, wie viel man nicht sieht.

Sonder. Ein kleines englisches Wort für eine große menschliche Reifeprüfung.


Veröffentlicht

in

,

von

Schlagwörter:

Kommentare

Ein Kommentar zu „Schärfer sehen mit Sonder“

  1. Avatar von Niki

    Ein wunderschöner, inspirierender Artikel. Ja, je mehr man weiß, desto mehr weiß man, dass man nichts weiß. „Sonder,“ ein schönes Wort. Vielen Dank für den Post, lieber Harald!

    Für mich war es mal das engl. Wort „Serendipity“, das viel in meinem Kopf machte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Cookie Consent mit Real Cookie Banner