Ein altes britisches Bonmot besagt, die Deutschen hätten keinen Humor, weil sie nicht über sich selbst lachen könnten. Wir Deutschen finden das natürlich überhaupt nicht komisch. Wir möchten den Vorwurf zunächst sachlich prüfen, eine ressortübergreifende Arbeitsgruppe einsetzen und ihn anschließend unter Vorlage belastbarer Unterlagen zurückweisen.
Nun fragt ausgerechnet die BBC: „Should we laugh more at ourselves? It’s complicated“. Schon der Titel klingt beinahe deutsch. Selbst beim Lachen wird vorsorglich auf Risiken und Nebenwirkungen hingewiesen. Humor, aber bitte nach vorheriger Gefährdungsbeurteilung.
Dabei ist Selbstironie weniger eine Form der Kapitulation als eine elegante Art, sich selbst ein wenig aus dem Weg zu gehen. Wer über ein eigenes Missgeschick lachen kann, gewinnt Abstand zu ihm. Die Sache bleibt ärgerlich, doch sie verliert das Recht, den ganzen Tag zu regieren. Statt sich in Zorn oder Trübsinn einzurichten, öffnet man kurz ein Fenster. Es zieht, aber man bekommt wieder Luft.
Auch gesellschaftlich ist diese Fähigkeit von einigem Nutzen. Menschen, die kleine Fehler selbstironisch eingestehen, wirken häufig nicht schwächer, sondern wärmer und sogar kompetenter. Vielleicht, weil sie zeigen, dass ihr Selbstbild einen Kratzer verträgt, ohne gleich zum Totalschaden erklärt zu werden.
Gesunde Selbstironie sagt: Ich habe einen Fehler gemacht. Ungesunde Selbstabwertung sagt: Ich bin der Fehler.
Der Unterschied ist klein wie ein Komma und groß wie ein Abgrund.
Denn nicht jedes Lachen befreit. Manche Menschen erleben schon das Kichern am Nebentisch als Feindseligkeit. Die Forschung kennt für die ausgeprägte Angst, ausgelacht zu werden, einen eigenen Begriff: Gelotophobie. Entscheidend ist deshalb, aus welcher inneren Haltung ein Witz entsteht. Wer mit einer Schwäche halbwegs Frieden geschlossen hat, kann sie spielerisch betrachten. Wer sich aus Bitterkeit kleinmacht, betreibt keinen Humor, sondern Selbstbeschädigung mit Pointe.
Das Thema kommt zur rechten Zeit. Im August glaubten nur 14 Prozent der Deutschen, ihr Land bewege sich in die richtige Richtung; 86 Prozent sahen es auf dem falschen Weg. Lediglich die Franzosen waren noch pessimistischer – honi soit qui mal y pense (Ipsos, August 2026).
Natürlich gibt es Gründe für die schlechte Stimmung. Doch Pessimismus ist hierzulande längst mehr als ein Gemütszustand. Er gilt beinahe als Kompetenznachweis. Wer Hoffnung äußert, wirkt naiv; wer den Untergang vorhersagt, gut informiert. Der Optimist muss sich erklären, der Pessimist nur seufzen. Er trägt emotional ständig einen Fahrradhelm – selbst im Bett – und kann im Katastrophenfall immerhin sagen, er habe es kommen sehen.
Das ist eine angenehme Position. Wer grundsätzlich mit dem Schlimmsten rechnet, wird selten enttäuscht und gelegentlich sogar angenehm überrascht. Allerdings zahlt er dafür einen hohen Preis: Er erlebt jedes Unglück zweimal: einmal in der Vorstellung und einmal, wenn es tatsächlich eintritt. Falls es ausbleibt, ist er womöglich trotzdem verstimmt, weil seine Prognose nicht gewürdigt wurde.
Wer wissen möchte, wie empfindlich er selbst auf das Lachen anderer reagiert, kann den etwa dreiminütigen GELOPH-15-Selbsttest mit seinen 15 Fragen ausprobieren. Er misst die Angst, ausgelacht zu werden oder lächerlich zu erscheinen. Das Ergebnis ist keine psychologische Diagnose, sondern eine Einladung zur Selbstbeobachtung: Vielleicht sollte man gelegentlich mehr über sich lachen. Vielleicht aber auch mit jemandem darüber sprechen, warum einem das Lachen der anderen solche Angst macht.
Selbstironie lässt Probleme nicht verschwinden. Sie verhindert lediglich, dass wir uns selbst zu ihrem geografischen Mittelpunkt erklären. Das ist nicht wenig in einer Zeit, in der jeder Rückschlag sofort zur Zeitenwende und jede Unannehmlichkeit zur Systemfrage befördert wird.
Mein Rat für diesen Blue Monday lautet daher: Nehmen Sie die Lage ernst – sich selbst aber etwas weniger.

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