Karneval der Aufmerksamkeiten

Machen Sie das auch? Doomscrolling – die unheilvolle Kombination aus dem Untergang und dem Verderben des Weltgeschehens und dem unaufhörlichen Scrollen auf dem Smartphone. Wir alle kennen es: Wir haben eigentlich schon genug negative Nachrichten gelesen, aber unser Daumen scrollt weiter und weiter. Plötzlich ist es eine Stunde später, und wir fühlen uns erschöpft und unzufrieden. Das ist Doomscrolling in a nutshell.

Aber warum machen wir das? Der Soziologe Armin Nassehi spricht von Aufmerksamkeitsökonomie. Die ständige Wiederholung und Überflutung mit Informationen ist der größte Feind der Aufmerksamkeit. In einer Welt, in der Aufmerksamkeit zum monetär verwertbaren Asset wird, kämpfen Unternehmen um unsere Wissbegierde. Nobelpreisträger Herbert A. Simon sagte einst, dass Informationsreichtum zur Aufmerksamkeitsarmut führt. Und damit hat er Recht.

In der digitalen Welt gibt es einen riesigen Pool unserer Sehnsüchte und Wünsche. Wir können in Echtzeit sehen, wie sehr uns eine bestimmte Schlagzeile oder ein bestimmtes Wort interessiert. Unsere Aufmerksamkeitströme sind quasi ausspionierbar geworden. Und wir sind so daran gewöhnt, ständig erreichbar zu sein und Informationen aufzunehmen, dass wir uns oft gar nicht mehr bewusst machen, wie sehr das unser Leben beeinflusst.

Das Internet: ein unendlicher Pool unserer Sehnsüchte und Wünsche – was für ein faszinierendes Bild! Aber halt, da ist etwas faul, sagt der Publizist John Batelle. Denn dieser Pool wird nicht von uns selbst gespeist, sondern von den Datenkraken da draußen, die unsere Interessen und Verhaltensmuster ausspionieren und zu ihrem Vorteil nutzen. Wir sind zu willenlosen Konsumenten geworden, die bereitwillig jeden Tag Stunden auf ihren Smartphones verbringen und dabei, ohne es zu merken, den großen Unternehmen der Tech-Industrie Geld in die Taschen spülen.

Und was ist das Ergebnis? Eine immer größere Aufmerksamkeitsarmut. Denn je mehr wir in diesem Pool der Sehnsüchte und Wünsche schwimmen, desto mehr werden wir von dem Wunsch nach Ablenkung und Unterhaltung getrieben. Wir können uns nicht mehr konzentrieren, unsere Aufmerksamkeitsspanne wird immer kürzer. Dabei wissen wir doch eigentlich, dass die Dinge, die wirklich wichtig sind im Leben, Zeit und Konzentration erfordern. Die Fähigkeit, sich auf eine Sache zu fokussieren und sich von unnötigen Ablenkungen abzuschirmen, ist entscheidend für unsere geistige Gesundheit und unser Wohlbefinden.

Gewiss: Es ist schwierig, dieser Aufmerksamkeitsarmut zu entkommen und das Netz der sozialen Medien und der digitalen Ablenkungen zu durchbrechen, aber es ist nicht unmöglich. Wir sollten uns aber auch bewusst sein, dass wir uns nicht vollständig von diesen digitalen Einflüssen abkapseln können. Sie gehören inzwischen zum Leben dazu und können sogar positive Aspekte haben. Es geht vielmehr darum, ein Gleichgewicht zu finden und uns bewusst zu machen, wann wir unsere Aufmerksamkeit bewusst auf Dinge lenken sollten, die wirklich wichtig sind. Wir sollten uns auf das konzentrieren, was wir wirklich brauchen, und nicht auf das, was uns von anderen aufgedrängt wird. Denn nur so können wir uns aus diesem unendlichen Pool unserer Sehnsüchte und Wünsche befreien und unsere Aufmerksamkeit auf das richten, was wirklich zählt.

Genug der düsteren Gedanken. Lassen Sie uns zum Schluss über Humor sprechen, schließlich kocht der Karneval (wahlweise Fasching oder Fasnacht) – und wer hat gesagt, dass Führungskräfte keinen haben dürfen? Es ist erfrischend festzustellen, dass Humor endlich seinen Platz in der Führungsetage gefunden hat – zumindest zu Karnevalszeiten. Doch Vorsicht ist geboten: Humor kann ein zweischneidiges Schwert sein, besonders in kulturell und beruflich unterschiedlichen Kontexten. Also bitte nicht versuchen, mit einem Karnevalsgag der Aufmerksamkeitsökonomie ein Schnippchen zu schlagen – denn wer zuletzt lacht, lacht nicht immer am besten. Also bitte den Karnevalsgag lieber in der Karnevalszeit lassen und sich stattdessen auf eine respektvolle und professionelle Kommunikation konzentrieren.

Aber dieser Witz muss noch raus: Warum wollte der Manager Karnevalsprinz werden? Weil er dachte, es wäre eine gute Möglichkeit, endlich mal „regieren“ zu können.


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